Erwachsen werden

Ein Kind, ein junger Mann und dann?

Letzten Frühling sang er noch wie eine Nachtigall,
wir lehnten am stolzen Eichenstamm,
das Lied umkreiste uns,
wie aufgeregte Schwalben vor dem Regen,
sein Lächeln traf uns sanft ins Herz,
Sommer, Herbst und Winter sind vergangen,
ein neuer Frühling aus dem Grau erwacht,
und wieder klingt die Stimme übers Feld,
schwer und seltsam schwebt der Gesang,
kleine dunkle Härchen zieren seinen Mund,
das Leuchten seiner Augen spricht von neuen Welten,
plötzlich sind wir dem engen Band weit entrückt,
Verstehen fällt immer schwerer,
alte Logik kann den Sprüngen kaum noch folgen,
Erfahrung steht verzweifelt vor der jungen Mauer,
gut gemeinte Worte suchen offene Türen,
Warten in Geduld lastet wie ein Stein an unseren Beinen,
ungestümer als ein Stier vorm roten Tuch,
frisst ihn seine Physis auf,
an hellen Tagen springt sein Übermut,
so federleicht wie ein Reh durch den Birkenwald,
Bilder aus vergangenen Zeiten,
verleiten zu trügerischen Träumereien,
Erwachsen werden braucht Verständnis,
den Rest löst allein die Zeit.

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