Nachsicht

Drei Schiffe schaukeln im toten Flussarm.
Der Blick vom hohen Turm ahnt es noch nicht.
Jedes Boot erzählt von einer anderen Geschichte.

Die blaue Jacht beherbergt ein ergrautes Paar.
Gebräunte, faltige Hände umklammern ruhig die glatte Reling.
Ihre Köpfe sind einander zugeneigt, sprechen von einem erfüllten Leben.

In der benachbarten Bootskajüte brummt eine tiefe Stimme.
Es könnte ein alter Seebär mit wundersamen Abenteuern darin wohnen.
Spaziergänger schauen neugierig auf die zerkratzten Holzpantinen.

Das weiße Segelboot strahlt über die lange Marina.
Ein Mädchen mit lockigem Haar wirkt traurig, fühlt Ungerechtigkeit.
Sie denkt an ihre Jugend, an das, was sie vermisst.

Ein Schiff ist eine persönliche Insel.
Hier haben Gedanken Platz, die an Land keine Zeit bekommen.
Eine frische Brise und die Weite könnten Klarheit bringen.

Am Abend versammeln sich die ungleichen Schiffsinsassen auf der Hafenbank.
Der Seebär mit seinen unglaublichen Geschichten heitert alle auf.
Seine Lebensweisheit überschüttet die anderen mit Verständnis.

Das alte Paar weiß nun noch besser, dass es immer so leben wollte.
Der fröhliche Weltumsegler hat nichts zu bereuen.
Die junge Frau kämpft mit sich, beginnt nachzudenken.

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